Social-Media-Sucht
Der amerikanische Psychologe B. F. Skinner führte Mitte des 20. Jahrhunderts ein Experiment mit Ratten durch. Die Ratten lernten sehr schnell, dass sie durch das Betätigen des Hebels mit Futter belohnt werden. Als nicht jedes Mal Futter ausgegeben wurde, intensivierte die Ratten ihr Verhalten und drückten noch häufiger auf den Hebel. Diese variable Verstärkung entsteht, da die Belohnung mit Futter jederzeit erfolgen könnte.
Was haben Ratten mit unserem Social-Media-Verhalten zu tun?
Dieses Prinzip der variablen Verstärkung finden wir heute auch bei der Nutzung des Smartphones. Öffnen wir eine App erwartet uns nicht jedes Mal eine neue Nachricht, ein Like oder gar ein interessantes Video. Doch wir wissen, eine solche „Belohnung“ könnte jederzeit kommen. Auf Grund unserer Erwartungshaltung und der Unvorhersehbarkeit überprüfen wir immer wieder, ob eine neue „Belohnung“ auf uns wartet. Wir entwickeln ein regelmäßiges und automatisiertes Nutzungsverhalten.
Viele Menschen übersehen dabei, dass die Inhalte unendlich sind und es gar keinen Grund gibt mit dem Swipen aufzuhören. Sie merken sich weder alle Inhalte, noch wissen sie wann sie aufhören sollen. Es gibt beim Swipen kein natürliches Ende wie wir es zum Beispiel kennen beim Lesen eines Buches in Form der letzten Seite oder bei einer Fernsehsendung in Form eines Abspanns.
In den Therapiesitzungen berichten mir meine Klienten, ob jung oder alt, dass sie beim Scrollen die Erwartung haben, beim nächsten Inhalt auf etwas Interessantes oder Wichtiges zu stoßen. Diese zufälligen und unerwarteten kleineren Dopaminausschüttung reichen aus, um ihre Motivation zum Weitermachen aufrecht zu erhalten. Folgende Gedanken gehen meinen Klienten durch den Kopf: „Nur noch einmal Swipen! Nur noch ein Video! Denn der nächste Content könnte wieder interessant sein!“
Die Skinner-Box in meiner Hosentasche
Klienten verbringen Stunden am Handy ohne daran zu denken aufzuhören. Kommt es dann doch auf Grund eines äußeren Impulses (Verbote von Eltern, wichtige Termine, Schlafenszeit, Unterrichtsbeginn,…) zur Beendigung, entsteht ein Gefühl von Leere und Unruhe. In den meisten Fällen entsteht sogar ein Ärger darüber, wieder so viel Zeit am Smartphone verbracht zu haben. Ein typischer Ausspruch in der Therapie: „Ich bin schon richtig süchtig und kann nicht damit aufhören am Handy zu sein!“
Menschen verfolgen unterschiedliche Motive bei der Verwendung der sozialen Medien. Sie suchen einerseits Unterhaltung, pflegen soziale Kontakte, suchen nach Anerkennung, bekommen Informationen und Wissen. Problematisch wird es aber dann, wenn sich das Verhalten automatisiert und die Menschen unbewusst ohne Grund zum Handy greifen.
Es geht mir in der Therapie nicht so sehr darum herauszufinden, warum ein Klient nicht damit aufhören kann, sondern wir beschäftigen uns mit der Frage: Was bringt meinen Klienten dazu, immer wieder zum Smartphone zu greifen und mit dem Swipen anzufangen?
Ein kleiner Glücksmoment und die Ungewissheit, ob der nächste Klick was Interessantes bringt, veranlassen meine Klienten dazu vermehrt das Handy zu verwenden. Einerseits ist es wichtig die dahinter steckenden Mechanismen (siehe Skinner Box) zu kennen, doch vordergründig arbeite ich mit meinen Klienten daran, sich Gedanken darüber zu machen, was sie tun könnten, um mehr Glücksmomente in ihrem realen Leben erfahrbar zu machen.
Tritt das Handy in den Hintergrund, verspürt jeder Mensch den Wunsch, sich mit Freunden zu treffen, etwas gemeinsam zu erleben, Sport zu machen oder neue Orte aufzusuchen. Ziel jeder Therapie: Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit. Jeder von uns kann die Glücksmomente in seinem Leben selbst herbeiführen und steuern.
